Der Turing-Test
Éducation sentimentale IX
Man gräbt in der Vergangenheit – und findet ein Video, das ein paar Jahre alt ist, aber niemals das Licht der Welt erblickt hat. Auf kuriose Weise betrifft dies auch das Thema selbst. Denn dabei geht um das geheime Leben des Alan Turing, jenes Computerpioniers mithin, der als Schöpfer des Turing-Tests in die Geschichte eingegangen ist und im Imitation Game, als Schöpfer der Colossus-Maschine und als Kryptologe des Nazi-Enigmas, eine gewisse Hollywood-Berühmtheit gewonnen hat. Meine Beschäftigung mit ihm ging auf auf das Jahr 1991 zurück, als ich an der Costa del Sol die wunderbare Turing-Biographie von Andrew Hodges las. Und obwohl draußen die Sonne schien, war es mir unmöglich, die Lektüre zu unterbrechen. Denn alles, aber auch alles an dieser Geschichte war sonderbar – wobei die Phantasien noch eine größere Rolle spielten als die bizarren, filmreifen Lebensumstände selbst. Das Sonderbarste jedoch war die Art, wie Turing aus dem Leben gegangen war. Nach einem Jahrmarktbesuch, wo er eine Wahrsagerin konsultiert hatte, hatte er Selbstmord verübt, auf eine Weise, als hätte er mit diesem Akt der Welt eine Botschaft übermitteln wollen: dass der Tod nicht endgültig ist, sondern dass man noch immer von einem Prinzen wachgeküsst werden kann. Und weil seine Biographie davon erzählte, wie sehr sich Turing für Walt Disneys Snow White begeistert hatte, war klar, dass er mit dem Genuss eines vergifteten Apfels seinem Tod eine nachgerade märchenhafte Dimension hatte verleihen wollen. Folglich war ich fassungslos, als ich ein paar Jahre später Friedrich Kittler begegnete, zunächst in Gestalt seiner Studenten (der »Kittler-Jugend«), die ein paar Räume weiter am Kulturwissenschaftlichen Institut der Humboldt Universität die Seminare des Meisters besuchten, dann in personam. Und weil wir gemeinsam im Planungskomitee der Interface V saßen, gab es immer wieder Begegnungen mit ihm – und sie machten mir klar, dass Alan Turing im Kittler-Universum zwar die Position eines Säulenheiligen innehatte, aber dass die Psychologie dieser Person eine so geringe Rolle spielte, dass Kittler, der doch mit der Biographie seines Helden zutiefst vertraut war, darüber kein einziges Wort verlor. Und als ich ihn auf diesen blinden Fleck ansprach, schaute er mich nur entgeistert an. Diese Reaktion bestätigte auf kuriose Weise, was Joseph Weizenbaum, der Godfather aller Chatbots, mit ein paar Jahre zuvor, noch immer fassungslos, von seiner Sekretärin erzählt hatte. Denn diese hatte, obwohl sie doch wusste, dass ihr Boss der Verfasser des Eliza-Bots war, selbigen als eine Art mechanischen Psychoanalytiker benutzt – und damit unter Beweis gestellt, dass man die Maschine stukturell missversteht, wenn man den Übertragungsaspekt außen vor lässt. Und wenn ich damals, als ironische Fußnote zu Kittler, meinem Geist der Maschine eine Wort-für-Wort-Analyse der Schneewittchen-Geschichte mitgegeben habe, bestärkte mich der Umstand, dass selbst der Doyen der Medientheorie am eigentlichen Rätsel der Geschichte vorbeigegangen war, dass man hier einem Unbewussten gegenübersteht, ja, dass man soetwas wie eine Psychologie der Maschine verfassen muss.
Was, wie man hier sieht, eine Thematik ist, die mich seit langer Zeit schon beschäftigt.









