Apocalypse Now
Oder: Wie es sich auf dem Vulkan tanzen lässt
Das Leben schreibt sonderbare Geschichten. Ein halbes Jahr, nachdem Corona die Welt heimgesucht hatte, bekam ich von der Gruppe Conne Island eine Einladung, in Leipzig-Connewitz einen Vortrag zur Frage von Utopie und Apokalypse zu halten. Der Hintergrund war ein längerer Essay, den ich für Lettre geschrieben hatte – und der sich, Apocalypse Now betitelt, mit der Frage beschäftigte, worin der psychologische Mehrwert des apokalyptischen Denkens besteht. Dass junge Leute, die der Antifa zugeneigt sind, sich für ein religionsgeschichtliches Thema begeistern, den Aufstand der Makkabäer gegen den Kosmopolitismus der Diadochen, war durchaus erstaunlich.
Andererseits ging dies mit zwei Einsichten zusammen, die ich über die Analyse der vorchristlichen Apokalyptiker gewonnen hatte. Denn wie mich das Buch Henoch gelehrt hatte, wurde ausgerechnet dem Kulturstifter Prometheus die Rolle eines Volksteufels zuteil, ja, kann man in ihm den Protoptyp des Diabolischen erkennen. Die zweite Einsicht: Es war das Unterlegenheitsgefühl den griechischen Eroberern gegenüber, welches ein utopisches Denken, schlussendlich gar eine neuartige Form der politischen Theologie in die Welt entlassen hatte – und genau das war es wohl, was die jungen Leute, die mich in ihre bunte Villa zu einer Open Air Veranstaltung eingeladen hatten, an meinem Text fasziniert hatte. Weswegen auch die folgenden Gedanken kein Hinderungsgrund waren:
Psychologisch betrachtet, verspricht die Flucht in den endzeitlichen Traum eine große Entlastung: Auf diese Weise verwandelt sich das aktuelle Ohnmachtsgefühl in ein existentielles Überlegenheitsgefühl (das gerade im Augenblick der zivilisatorischen Demütigung überaus zupaß kommt). In jedem Fall läßt sich das eigene Ressentiment, mit höheren Weihen versehen, unkontrolliert ausleben, kommt es darüber hinaus zu einer Mobilisierung der Anhängerschaft. Insofern der Zeithorizont des Apokalyptikers nicht mehr auf die unmittelbare Gegenwart beschränkt ist, sondern sich über Äonen hinweg erstreckt, entflieht er der Dringlichkeit – ja, dem Realitätsprinzip überhaupt. Genau hier liegt die Attraktivität der Apokalyptik. An die Stelle des Realitätsprinzips wird ein metaphysischer Projektor gesetzt, eine Batterie, die Entschädigung, Vergeltung und Erlösung verspricht. Was auf den ersten Blick wie eine Form des Eskapismus anmutet, erweist sich, auf paradoxe Weise, als überaus wirkmächtiges Schild. Denn mit dem Todesmut der Erlösungsgewißheit gerüstet, konnten die aufständischen Juden gegen ihre „verräterische“ Elite, schließlich gegen die Besatzer anrennen.1
Der Abend war durchaus anregend So saß ich, an einem langen, lauen Septemberabend mit lauter jungen Leuten zusammen, die mir auf ihre Weise heimatlos vorkamen – oder genauer: wie zeitgenössische Revenants jener Makkabäer, die ihr Heil in einer politischen Theologie gesucht und gefunden hatten. Da war ein junger Mann, der von seinem Vater erzählte, der die Familie schon früh verlassen hatte, gleichwohl als Rollenmodell fungierte: ein kämpferischer Antifaschist, der bei jeder Demo mitmarschierte und sich - das war wohl der Höhepunkt seiner journalistischen Laufbahn – in Handgreiflichkeiten mit seinen Gegnern verstrickte. Andererseits war dem jungen Mann, der vielleicht Mitte Zwanzig sein mochte, klar, dass die eigentliche Triebkraft des zeitgenössischen Kapitalismus nicht in der politischen Theorie zu verorten ist, sondern im digitalen Betriebssystem unserer Zeit – und so hatte er sich ein bisschen mit php und Webprogrammierung beschäftigt. Und je länger wir redeten, desto mehr begriff ich, dass dieser junge Mann, ebenso wie seine Genossen ringsum, mit einer Form des horror vacui kämpfte, dem undeutlichen Gefühl, dass unsere Gegenwart, ja die politische Welt überhaupt ein Marionettentheater ist, bei dem dunkle Mächte sich am Elend der Masse bereichern – und dass man aus diesem Grund schon zum Widerstand ermächtigt und aufgerufen ist. Und genau dies scheint mir das Magma, das die Vulkangruppe charakterisiert, die es, wie es scheint, gerade fertig gebracht hat, 50.000 Berliner Haushalte von der Energieversorgung zu trennen. Liest man die Verlautbarungen, die man im Netz ausfindig machen kann, ist evident, dass die Gruppe nichts anderes aufbieten kann als ein militantes Ressentiment, dessen einzige Begründung in der moralischen Überlegenheit liegt:
Wir arbeiten nicht bei Rheinmetall. Wir heißen nicht Elend Musk. Wir lassen Menschen nicht unter grauenhaften Bedingungen Lithium abbauen. Wir zerstören nicht die Erde. Wir handeln nicht an der Börse mit Getreide. Wir wollen andere Menschen nicht töten, oder nehmen deren Tod durch Profitmaximierung billigend in Kauf. Wir retten sogar die Schnecken am Strommast, bevor wir diesen Minuten später anzünden.2
In diesem Sinn ist der Kampf gegen den übermächtigen Gegner so etwas wie ein Lebenselixier, eine Form des erotischen Ressentiments:
Der Totalausfall eines scheinbar unangreifbaren Giganten, sollte uns allen jenseits des Drucks, der auf uns lastet, Freudentränen in die Augen treiben und Mut machen. Der Nimbus des Unangreifbaren ist durch die Aktion durchbrochen.
Nimmt man die Folgen in den Blick, welche die Attacke auf das Berliner Stromsystem hat, sieht man, wie verletzlich die vernetzte Gesellschaft ist. Denn über Nacht sind Tausende nicht bloß von der Stromversorgung in ihren Häusern, sondern vom sozialen Leben überhaupt abgeschnitten. Dass ein solcher Anschlag Abertausende von Menschen affiziert – und nicht wenige von ihnen über Tage hinweg in Kalamitäten, ja in eine regelrechte Notlage bringt –, zeugt von einer annihilierenden Energie, die wirkmächtiger ist als jeder Terrorakt, der von der RAF ausgeübt wurde. Bedenklicher aber noch ist – und der Biedersinn des zitierten Textes ist ein wundersames Exempel dafür -, dass die Ideen, die zu solchen Taten führen und geführt haben, sich einer breiten gesellschaftlichen Zustimmung erfreuen, ja, nicht selten gar dem Mainstream zugerechnet werden können. Wenn ein jeder die Idee verficht, dass es des Degrowth und eines digital detox bedarf, ja, dass es ein Recht auf Widerstand gegen das Gesellschaftsmodell des »zerstörerischen Fortschrittes« gibt, sieht man, dass die Vulkangruppe nichts ist als die militante Verlängerung des Zeitgeistes selbst. Nicht lang nach meinem Besuch der Conne Island habe ich einen kleinen Kommentar für das politische Feuilleton des Deutschlandradios geschrieben, der sich, unter dem Titel »Psychologie der Katastrophenliebhaber« mit der Frage des Degrowth, des Anti-Natalismus und verwandter Misanthropien beschäftigte:
Ja, es ist wahr: Wir leben über unsere Verhältnisse. Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen. Mit der Konsumkritik fängt der Umweltschutz an. There’s no planet B! Und wer hätte schon etwas gegen Nachhaltigkeit einzuwenden? Die Frage ist bloß: Stimmt es, dass wir wirklich nur von der Umwelt reden, wenn wir Umwelt- oder Klimaschutz im Munde führen? Oder spielt da nicht unbemerkt noch etwas anderes mit hinein? Als in der Französischen Revolution die Vorstellung aufkam, Zitat, »dass die Natur unseren Hoffnungen keine Grenze gesetzt hat«, stiftete die englische Regierung, um den Geist der Revolte gleich im Keim zu ersticken, ein frühes Grundeinkommen. Auf Seiten der Besitzenden rief das sogleich heftige Proteste hervor. Denn damit war die Arbeitsmoral untergraben, der Hunger als Erziehungsmaßnahme hinfällig. Der Reverend Thomas Malthus ging die Sache noch etwas grundsätzlicher an und beantwortete die Blütenträume des unendlichen Fortschritts mit der Idee der „natürlichen Grenze“. Weil die Erde begrenzt sei, könne die Bevölkerung nicht unendlich wachsen. Nun hat sich der Malthusianismus schon im 19. Jahrhundert als ein großer Irrtum herausgestellt – wie auch die Vorhersagen des Club of Rome oder jenes unverbesserlichen Untergangspropheten Paul Ehrlich, der mit seiner „Bevölkerungsbombe“ bereits für die 1970er Jahre Abermillionen von Toten vorausgesagt hatte. Und hier zeigt die Idee der natürlichen Grenze ihre, nein, nicht hässliche, eher dümmliche Fratze. Sie verleitet ihre Anhänger dazu, die eigene Beschränktheit auf die ganze Welt und in alle Zukunft hinein auszudehnen. Denn wenn der Wunsch der Vater des Gedankens ist, so ist er zugleich die Mutter der Sinnestäuschung. Und folglich sieht man allüberall die apokalyptischen Reiter heranstürmen.
Der entscheidende Gedankenfehler des Katastrophenliebhabers besteht darin, dass er die Umkehrung des modernen Wachstumsbegriffs ignoriert: Weniger kann auch mehr sein. Am nachdrücklichsten demonstriert dies ein Computerchip. Denn er zeigt, dass sich auf einem Siliziumkristall ein Milliardenfaches dessen speichern lässt, was in den 1950er Jahren möglich war – mit der Folge, dass jeder Smartphonebesitzer über einen größeren Informationsspeicher verfügt als ihn die NASA für die Mondlandung zur Verfügung hatte. Könnte es nicht sein, dass derjenige, der diesem schwindelerregenden Wachstum eine „natürliche Grenze“ gegenüberstellt, vor allem die Ignoranz kultiviert? So schlicht diese Verdrängungs- und Selbstermächtigungsoperation auch sein mag, ideologisch stellt sie einen höchst erfolgreichen Kunstgriff dar. Haben die Revoluzzer von anno dunnemals sich die Befreiung des Proletariers auf die Fahne geschrieben (was dieser mit einem unwirschen Geht doch nach drüben beantwortet hat), ist man vom entfremdeten Wesen zur geschändeten Natur hinübergewechselt, von der Weltrevolution zur Klimakatastrophe. Und weil die Natur keine Widerworte gibt, ist man damit das Bündnis mit einer höheren Macht eingegangen. Dass diese Legitimität und ein gutes Gewissen verspricht, ist großartig. Politisch bedeutsamer ist, dass sich über die Ausrufung des Ausnahmezustands Sonderrechte geltend machen lassen (auch wenn diese demokratietheoretisch höchst fragwürdig sind). In jedem Fall ist der Mahner, der auf die Grenzen der Natur hinweist, beständig versucht, die Rolle des Grenzwächters einzunehmen. Also desjenigen, der über die Grenzwerte wacht, die Verteilung besorgt und das Zulässige vom Unzulässigen scheidet. Man muss sich nur die Erziehungsmaßnahmen der Weltenretter vor Augen halten, um sich klarzuwerden, dass sich unter der Hand eine menschenfeindliche Ideologie Bahn gebrochen hat. Hat man einmal das Leben eines Kindes in einen CO2-Fußabdruck umgerechnet, liegt der Gebärstreik nicht fern. Nein, mehr noch: Wenn die Apokalypse bevorsteht, ist das Beste, nicht geboren zu sein.
Was war die Folge: Der Kommentar wurde gesendet, aber die Online-Redaktion war der Meinung, dass man solche Gedanken der Öffentlichkeit nicht zumuten könne. Die Frage ist: Wird eine solche Attacke, wie jetzt in Berlin geschehen, eine Debatte darüber auslösen, wie und warum die Gesellschaft einem letztlich autodestruktiven Mindset hat anheimfallen können?
Ps. Man kann nur hoffen, dass die Menschen, die vom aktuellen Stromausfall betroffen sind, nicht noch Ärgeres erdulden müssen - denn wie die Erfahrung lehrt, folgt dem materiellen nicht selten ein sozialer Blackout.
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1https://de.indymedia.org/node/345275
Apocalypse now! In: Lette International. Winter 2021
Bekennerschreiben auf indymedia. Die Lektüre dieses Textes ist wirklich anzuempfehlen, nicht zuletzt deswegen, weil der Text sich nicht durch Radikalität auszeichnet, sondern als Anbiederung an den Zeitgeist gelesen werden kann.








...und dem Werten Autor "Drei" kleine AUGEN-Öffner von Mir zu den Themen - > ZEH-Oh-ZWEI-KLIMA-Krisen-KLAMAUK < und > GLOBAL-Lockdown wg. CorINna < sowie > "Lieber 'ne Olympiade statt 'ner Zombiade" < (Mein Spruch) !?! - Alle zu finden auf "freedert.online" (deutsch) über das Artikel-Suchfeld - Hauptseite unten rechts !?! - 1. Headline - > "F*cking beschissen" < (Zwei InfoPosts) - 2. HL - > "DeepSeek - Corona" < (bis dato fünf Posts) - 3. HL - > "Wolfgang Bittner" < (Artikel mit Sackgassen-Schild) !?! - alle unter Nicht-Pseudonym "Manfred Palla" und bitte OBACHT - Nicht erschrecken ... ;-)))