Ach, Europa
Warum Europa kein Kontinent, sondern eine Geisteslandschaft ist
Hans Magnus Enzensberger, in memoriam
Jahre, bevor Europa seine gemeinsame Währung erhielt, fand ich mich, auf eine gleichermaßen unerwartete wie beglückende Weise mit der Grundfrage dieses Kontinents beschäftigt, die, wie man weiß, der einzige ist, der sich selbst seinen Namen gegeben hat. Was mich bewogen hatte, dieser Geschichte nachzugehen, war kein hehres kosmopolitisches Trachten, geschweige denn irgendeine politische Erwägung. Ausgangspunkt war die simple Frage, was es mit der Geschichte des Alphabets auf sich hat, das, wie schon Lacan in einem Wortspiel offenbart hat, auf eine alphabête, also eine Alphabestie zurückgeht. Dahinter wiederum verbirgt sich niemand anderer als Zeus höchstselbst, der in der Verkleidung eines weißen Stiers an der Küste Phöniziens erscheint (jener Region mithin, wo sich heute Israel, Palästina und der Libanon befinden), und da schnappt sich der Gott in Stiergetalt diese junge Frau, Europa, die er übers Meer nach Kreta entführt – dorthin also, wo nicht nur das Labyrinth des Dädalus, sondern mit dem Linear-B auch ein Protoalphabet in die Welt kommt. Nichtsdestotrotz – und das ist der Witz der Geschichte – kommt Europa nie wirklich in Europa an.
Dies ist ihrem Bruder Kadmos vorbehalten, der von seinem Vater Agenor den Auftrag erhält, die entführte Schwester heim nach Phönizien zurückzubringen. Zwar findet Kadmos seine Schwester nicht, aber er ringt auf dieser Reise, die ihn nach Griechenland führt, en passant den Drachen nieder, ehelicht, vom griechischen Götterkosmos gefeiert, die Säulenheilige aller Männergesangsvereine, Harmonia, und stiftet schließlich, von Hopliten begleitet, die erste Polis: Theben. Und wenn mich die penible Analyse des Mythos, der ich einige Monate meines Lebens gewidmet habe, eines gelehrt hat, so dass Europa und die symbolische Ordnung des Alphabets letztlich auf ein- und dasselbe hinauslaufen: die mechane. Denn übersetzt man letzteres aus dem Altgriechischen wieder zurück, hat man es nicht mit technischem Gerät, sondern einer geistigen Operation zu tun, dem ›Betrug an der Natur‹, dem letztlich die Metaphysik, die Logik und der europäische Kosmopolitismus entspringen.
Im Labyrinth der Zeichen, aus: Vom Geist der Maschine, 1999
Dass man es weniger mit einer festen Landmasse, als vielmehr mit einer Gedankenlandschaft zu tun hat (einem Portable mithin), mag erklären, warum Europa, nachdem es in der mediterranen Welt heimisch geworden war, im Mittelalter ins Gefilde der Barbaren vordringen konnte, dorthin, wo Franken, German und Kelten hausten. Schon der Lehrer Marshall McLuhans, Harold Innis, hat bemerkt, dass dem Alphabet eine non-tribalistische, eigentlich imperialistische Struktur innewohnt – kann es doch, anders als eine ikonographische Silbenschrift, jede Sprache dieser Welt abbilden. Man könnte, wie der Anthropologe Franz Baermann-Steiner dies getan hat, von einer epistemischen Gewalt sprechen – aber eine solche einseitige Betrachtung würde der Verführungskraft dieser Ordnung nicht gerecht, nämlich, dass ein jeder, der ein Smartphone in die Hand nimmt, sich ins Labyrinth der Zeichen hinein verirrt. Und damit: der Verführungskraft dieser Ordnung erliegt. Hält man sich vor Augen, dass eine universale Maschine kein Werkzeug im engeren Sinn ist, sondern vielmehr eine Werkstatt, ist klar, dass man hier einem geistigen Triebwerk gegenübersteht, das eine nicht-enden-wollende Anzahl von Werkzeugen nach seinem Bilde erzeugt. Wie schon Steve Jobs höchst treffend bemerkt hat: »Der Computer ist die Lösung, was wir brauchen, ist das Problem.« Und weil die Lösung bekannt ist, wohnt dieser geistigen Landschaft ein Zukunftsversprechen inne, eine transzendentale Potenz. Nun betrifft dies nicht nur unsere Computerwelt, der die Zeitgenossen eine überirdische, künstliche Intelligenz zusprechen, sondern auch ihre Vorläufer: den Räderwerkautomaten des Mittelalters und das Alphabet der Antike. Und genau davon legen die Schriftreligionen, welche die alphabetische Letter sakralisiert haben, Zeugnis ab. Oder wie es in der Offenbarung heißt:
Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. (Offenbarung 1,8)
Hier kommen wir zu einem Paradox. Obschon die Genealogie des europäischen Denkens, wie der Mythos unmissverständlich erzählt, sich auf die Genese des Alphabets (und ihren metallurgischen Konterpart: den Prozess der verlorenen Form) zurückführen lässt, stellt dies unter Althistorikern eine Dunkelzone dar. Folglich vermeidet man die dunklen Anfänge oder spricht, wenn man die Geburt des antiken Denkens in Augenschein nimmt, vor allem vom »griechischen Wunder«. Ein bizarres, aber gleichwohl höchst aussagekräftiges Beispiel für das Rätsel, das der europäische Exzeptionalismus darstellt, lässt sich an der Theorie des Harvard-Anthropologen Joseph Henrich exemplifizieren. Denn Joseph Henrich hat sich der Frage nach der kulturellen Differenz gestellt, welche die Europäer aus dem Ensemble der überlieferten Kulturen herauslöst. Die Antwort, die er in seinem Buch WEIRD vorgelegt hat (das im Deutschen den Titel »Die seltsamsten Menschen der Welt« trägt), liegt im Akronym WEIRD selbst begraben. Und dies besagt, dass man es mit Menschen zu tun hat, die Western, Educated, Industrialized, Rich, and Democratic seien.
Dass Henrich, um zu dieser Einsicht zu gelangen, endlose, datenbasierte Kulturvergleiche hat anstellen müssen, ist ein flagranter Beleg für die Selbstvergessenheit, welche Generationen europäischer Denker heimgesucht hat. Mag sein, dass dies der Scham der Philosophen zuzurechnen ist – in jedem Fall ist die Geburt des Europa-Projekts aus dem Geiste des Alphabets eine vergessene Kinderfrage, so dunkel wie der Geburtsmythos des Zeus, der, wie man weiß, auf der Insel Kreta, der Heimstatt aller Lügner, das Licht der Welt erblickt hat.
Hält man sich vor Augen, dass das Triebwerk, welches das Projekt Europa beständig am Laufen gehalten hat, nein, mehr noch: was zu einer rastlosen und steten Neuerfindung dieses Projekts geführt hat, in der Transzendenzverheißung der universalen Maschine liegt, ist die WEIRDness der europäischen Geisteslandschaft weit weniger erstaunlich. Wenn Europa jener Geisteskontinent ist, der »nicht von dieser Welt ist« (oder, wie ich gesagt habe, eine Alien Logic darstellt), so bedeutet dies im Umkehrschluss, dass dem eine utopische Sprengkraft innewohnt. Auf kuriose Weise lässt sich dies an der Metempsychose des europäischen Gedankens selbst festmachen. Hätte man einen Denker wie Augustin, der dem nordafrikanischen Tagaste entsprang, die Frage gestellt, ob seine civitas dei eines Tages von rückständigen Franken- und Germanenhorden vorangetrieben werden könne, hätte er wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Aber genau dies ist historisch der Fall: Denn das gotische Europa, das den Protokapitalismus des 12. Jahrhunderts hervorgebracht hat, entstammt nicht dem alten Griechenland – auch nicht den Reichen, welche Alexander der Große oder die römischen Kaiser hinterlassen haben –, sondern ist das Resultat einer sonderbaren Gedankenwanderung. Denn während die Heimstätte des Christentums, vulgo: die Ostkirche, in leeren Ritualen erstarrt in den Untergang hineinschlitterte, machten sich die vermeintlich rückständigen Völker an die Stiftung einer neue Welt,1 einer Welt, in der die Zeit Geld wurde und man den lieben Gott zum Uhrmacher umschulte. Weil auch die Kirche hier nicht hintanstehen wollte, ersann man den Ablasshandel und die psychologische Buchhaltung – all das, was zum Niedergang des Papsttums und zum Aufstieg des Humanismus beitragen sollte. Folglich sprossen überall dort, wo gotische Kathedralen gebaut wurden, Universitäten aus dem Boden, konnte bereits ein Meister Eckhart im frühen 14. Jahrhundert dekretieren: Gott ist intellectus. Weswegen Europa sich auf die Suche nach der Neuen Welt machte, einem Amerika des Kopfes, wenn man so will.2
Die Frage ist: Was bedeutet es, wenn man Europa nicht als feste Landmasse, sondern als geistige Landschaft begreift, welche, da sie sich der je vorherrschenden universalen Maschine verschrieben hat, einem utopischen, zukunftsbejahenden Projekt folgt? Die Antwort liegt auf der Hand: Würde man diese Einsicht beherzigen, so bestünde die wesentliche Aufgabe Europas darin, die Möglichkeiten, die sich mit der neuen Welt auftun, zu eruieren. Wenn ich mich selbst in die 90er Jahre zurückversetze – in jene Zeit mithin, in der das Internet an Fahrt aufnahm –, wäre ein Engagement in dieser Hinsicht ein wunderbares Vehikel gewesen, um dem Europagedanken eine neue, optimistische Färbung zu geben. Und hält man sich darüber vor Augen, dass ein jedes digitalisierte Gut (der Formel des x=xn folgend) strukturell überflüssig ist (= kostenlos), so wäre z.B. ein duchdigitalisiertes Bildungssystem ein großartiges Geschenk an die Menschheit gewesen. Aber was ist stattdessen geschehen? Vom Euro abgesehen – nichts. Dass man die Gestaltung der Zukunft allein der Privatwirtschaft und dem Silicon Valley überlassen hat, ist Beleg einer Zukunftsvergessenheit, deren unschöne Details man in Gestalt von zerfallenden Institutionen und einem flagranten digitalen Analphabetismus bestaunen kann. Ist dies schon schlimm genug, so ist das Personal, das den Europagedanken für sich reklamiert, noch erschütternder. Denn Europa ist in die Hände der Bürokraten gefallen, zweit- und drittklassiger Politiker, die, um die schöne Formulierung Max Webers aufzugreifen, von der Politik, aber nicht für die Politik leben. In gewisser Hinsicht ist Ursula von der Leyen, der die Piraten in den 2000er Jahren den treffenden Spottnamen „Zensursula“ verliehen hatten, die Physiognomie dieses Problems. Dass die plagiatsverdächtige Chefin der europäischen Kommission in ihrer Ministertätigkeit ein höchst zweifelhaftes Gebaren an den Tag legte (und sich fortgesetzt mit Skandalen, Vorwürfen der Vetternwirtschaft und der Bereicherung herumschlagen musste), hätte sie für diesen Posten von vorneherein disqualifizieren müssen – ebenso wie der Umstand, dass sie, statt dem Max Weber’schen Gebot der sauberen Aktenführung zu folgen, stets ein gelöschtes Handy hinterließ. Naturgemäß haben sich diese Praktiken auch in der Pfizergate-Affäre bewährt. Folglich verbreitet der größte Deal, den die EU bis dato abgeschlossen hat, den Ruch einer Hinterzimmeraffäre.3 Weil Politiker dieser, ja eigentlich jeder Couleur das europäische Projekt für sich haben vereinnahmen können, ist Europa zu einem Synonym für Amtsanmaßung, Selbstbereicherung, ja, zu einer Karikatur seiner selbst degeneriert. Am fatalsten jedoch ist, dass man, anstatt der neue Welt der Digitalisierung ein menschenfreundliches, europäisches Gesicht zu verpassen, sich vor allem mit ihrer Beschneidung beschäftigt. Weswegen die Schlussfolgerung lautet, dass wir in einem Europa ohne Europäer leben, einem Europa, in dem kulturelle Analphabeten die Macht übernommen haben. Im geistigen Heimatmuseum aber, das sich einer Erotik des Ressentiments verschrieben hat, feiern die Geister der Vergangenheit Urständ: Regulierungswut, Autoritarismus, maßloses Obrigkeitsdenken. Das sind die Ingredienzen, welche dem jüngsten Coup innewohnen. Denn dass die Europäische Kommission nun, nach mehreren erfolglosen Anläufen, die anlasslose Chatkontrolle4 im Eilverfahren durchgeboxt hat, hat wenig mit Kinderschutz, sondern allein mit Selbstermächtigung aufgrund erwiesener Impotenz zu tun – mit dem gruseligen Nebeneffekt, dass sich hier ein Überwachungsstaat Orwell’scher Prägung auftut.
Diese Metempsychose lässt sich kurioserweise am Dogma der Unbefleckten Empfängnis festmachen, das (Notre-Dame) die Initiale des gotischen Kathedralenbaus, aber auch des europäischen Universitätswesens darstellt. War ein Denker wie Origines, der im 3. Jahrhundert die geistigen Grundlagen dafür legte, in Alexandria geboren und in Tyros, dem heutigen Libanon tätig, war die darin verborgene Frage nach der Position des Menschen ein Gedankentabu. So verwehrte sich die Ostkirche über Jahrhunderte, bis zum Untergang Konstantinopels, der filioque-Formel (also: im Namen des Vaters und des Sohnes) und blieb ihrer patristischen Ausrichtung treu.
Der Wirtschaftshistoriker David Landes, der in seinem Prometheus Unbound bereits den Einfluss des Räderwerkautomaten auf die mittelalterliche Gesellschaft beschrieben hat, hat sich der Frage in seinem Wealth and Poverty of Nations angenommen – mit dem Ziel zu erklären, wie und warum das vergleichsweise rückständige Europa soetwas wie Weltneugierde hat entwickeln können, wohingegen das Reich der Mitte, China, das im 15. Jahrhundert über eine Flotte verfügte, die der der Portugiesen weit überlegen war, nicht einmal die mindesten Anstrengungen machte, die Welt zu erkunden. Ärger noch: Man vernichtete die Flotte, ebenso wie die Schiffsbau-Pläne – mit dem Effekt, dass man im 19. Jahrhundert den britischen und amerikanischen Kolonisatoren nur wenig seetaugliche Dschunken entgegenzusetzen hatte.
Das Gericht der Europäischen Union hat am 14. Mai 2025 (Rechtssache T-36/23) im sogenannten Pfizergate-Skandal entschieden, dass die EU-Kommission der New York Times zu Unrecht den Zugang zu den brisanten SMS-Nachrichten zwischen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Pfizer-Chef Albert Bourla verweigert hat.
Man muss sich nur den Vorschlag für eine VERORDNUNG DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES zur Festlegung von Vorschriften zur Prävention und Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu Gemüte führen – und bekommt schon in den ersten Zeilen mit, in welchem Maße hier reale und digitale Gewalt vermischt und durcheinandergebracht werden.
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