Im Jahr 2005, mit einem untrüglichen Sinn für den Zeitgeist, genauer: für die Vibes, welche dem Zeitgeist einen kleinen Stoß verpassen, veröffentlichte Peter Sloterdijk sein Buch »Zeit und Zorn«. Darin konfrontierte er das staunende Publikum mit einer der Antike entlehnten, archaischen Gedankenfigur: dem Thymotischen. Was kann man sich darunter vorstellen? Konsultiert man das altgriechische etymologische Wörterbuch, so hat thymos eine Reihe einander überlagernder Bedeutungen, denn es meint: Leben, Lebenskraft, Gemüt, Empfindung, Herz, Geist, Mut, Zorn, Leidenschaft, Rauch. Tatsächlich findet sich (wie im Falle der anima, die sich auf den Atem, den Lufthauch bezieht) die älteste Bedeutung in der indogermanischen Wurzel *dheu, die alle Luftverwirbelungsformen abdeckt: das Stieben, Wirbeln, Wehen, Stinken, Schütteln, den Dampf, den Hauch und den Rauch. Wenn Sloterdijk also, im ersten Satz seines Buches – unter der sinnigen Überschrift »Europas erstes Wort« – den thymos mit dem Zorn gleichsetzt (»Den Zorn besinge, Göttin, des Achilles, des Peleussohns«), so hat man es mit einer Empfindung zu tun, die mehr mit einem überwältigenden Naturereignis als mit einer Stimmung zu tun hat, die einem zivilisierten Zeitgenossen vertraut sein könnte. In der Tat gehörte das, was Sloterdijk als das erste Wort Europas ausgibt, bereits im 5. Jahrhundert v. Chr, einer fernen Vergangenheit an. Denn als mit der Polis das Politische Gestalt annahm, verschwanden die Bilder, die Achilles (das Vieh) in seiner berserkerhaften Wut darstellten – einer Wut, die ihn dazu brachte, den Hektor zu erschlagen oder, ärger noch, den Sohn des trojanischen Königs Priamos zu enthaupten, und dies noch dazu im Heiligtum des Apollon, eine Tat, die selbst im archaischen, gottesfürchtigen Griechenland einen Skandalon darstellte. Und damit stellt sich die Frage: Wie kann ein kluger, belesener Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts mit einer solch archaischen Gedankenfigur aufwarten? Nun - dass Sloterdijk den Nerv der Zeit getroffen zu haben scheint, lässt sich am Erscheinen des Wutbürgers ablesen, dem der Journalist Dirk Kurbjuweit im Spiegel den passenden Namen verlieh (mit der entsprechenden Verspätung, im Jahr 2010). Ganz offenkundig hat Sloterdijk dieses Spezimen nicht im Sinn gehabt, verfasste er doch für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Text mit dem sonderbaren Titel: Die Revolution der gebenden Hand (FAZ, 13. Juni 2009). Dieser Beitrag ist in schon insofern Hinsicht eine Denkwürdigkeit, als Sloterdijk sich hier zu einer Form der Ehrenrettung, nein, mehr noch: zu einer Feier des Thymotischen versteigt. Die Argumentation lässt sich, aller intellektuellen Finesse zum Trotz, auf eine sehr basale, man könnte durchaus sagen: primitive Logik zurechtstutzen, nämlich auf die Empörung des Gutverdieners, der registriert, dass mehr als die Hälfte seiner Einkünfte in die Steuerkasse fließt. Wie es sich für einen Philosophen gehört, nimmt Sloterdijk diesen Umstand nicht als gegeben, geschweige denn als Fatum entgegen, sondern stellt die Frage, warum dies so ist – nach dem Grund.
Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Dies ist ein politisches Dressurergebnis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen.
Und weil der Philosoph sich mit diesem politischen Dressurergebnis nicht zufrieden gibt, imaginiert er soetwas wie ein thymotische Revolution:
Die einzige Macht, die der Plünderung der Zukunft Widerstand leisten könnte, hätte eine sozialpsychologische Neuerfindung der „Gesellschaft“ zur Voraussetzung. Sie wäre nicht weniger als eine Revolution der gebenden Hand. Sie führte zur Abschaffung der Zwangssteuern und zu deren Umwandlung in Geschenke an die Allgemeinheit – ohne dass der öffentliche Bereich deswegen verarmen müsste. Diese thymotische Umwälzung hätte zu zeigen, dass in dem ewigen Widerstreit zwischen Gier und Stolz zuweilen auch der Letztere die Oberhand gewinnen kann.
Auf der einen Seite haben wir also den thymotisch aufgeladenen Bürgerstolz, auf der anderen Seite den boshaften Leviathan, der die ihm Unterworfenen so weit konditioniert hat, dass sie ihre eigene Unterdrückung gar nicht mehr wahrnehmen. Wie bizarr die Feier des Thymotischen ist, wird klar, wenn man sich klarmacht, dass die conditio sine qua non der modernen Individualität mit der Emergenz eines entsprechenden Gesellschaftstriebwerks koinzidiert. Nicht zufällig geht die Geburt des Renaissance-Individuums mit der Entstehung des catasto einher, ist es kein Zufall, dass das erste zentralperspektivisch gemalte Bild Masaccios Zinsgroschen ist.1
Man könnte Peter Sloterdijks Feier des Thymotischen, die mit einer erstaunlichen politischen Blindheit einhergeht, als Geistesverirrung eines Hochgeschwindigkeitsintellektuellen abtun – oder George Orwell zitieren, der meinte: »Manche Ideen sind so dumm, dass nur Intellektuelle an sie glauben«, aber damit hätte man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn schaut man zurück, muss man zur Kenntnis nehmen, dass Sloterdijks Modell der Erregungsgemeinschaft ein durchaus präzise Zeitdiagnose darstellt. Dabei ist der Wutbürger vielleicht nur ein, möglicherweise nicht einmal das prominenteste Spezimen dieser Bewegung. Denn mit dem Aufkommen der sozialen Medien haben sich die Diskurse auf eine Weise tyhmotisiert, dass man durchaus der Meinung anhängen kann, dass einige Zeitgenossen ihre Zivilität abgestreift haben und sich den Berserker archaischer Prägung als Rollenmodell ausgeschaut haben. Wohin man auch schaut, ob links oder rechts, über allem steht das Ressentiment. Oder, wenn man die olfaktorische Grundbedeutung des Thymotischen nimmt: stinkt zum Himmel.
Was sich mit der Erregungsgemeinschaft abzeichnet, ist das graduelle Abgleiten in eine moralische Ökonomie, einen symbolischen Bürgerkrieg, bei dem nicht mehr das Gemeinwohl (die politische Ökonomie) im Vordergrund steht, sondern allein die Frage ausschlaggebend ist, wie der Betreffende in der Öffentlichkeit dasteht. Wenn mein, unterdes schon allzu oft bemühtes Marshall McLuhan-Zitat eine Alltagspraxis beschreibt („Moral bitterness is a basic technique for endowing the idiot with dignity.“), stellt sich die Frage, aus welchem Topf sich die allgemeine Erregung speist. Eine, wenn auch keineswegs hinreichende Antwort ist, dass die Aufmerksamkeitsökonomie die Skandalisierung befeuert – und in diesem Sinne instituiert, was ich, in einer Abgrenzung zum Marx’schen Gebrauchswert, den ›Missbrauchswert‹ genannt habe. Man muss nicht weit schauen, um Anschauungsmaterial dafür zu erhalten. Schaut man sich die Strategien junger Politiker an, ist evident, dass der gezielte Tabubruch, die funktionalisierte Empörung, eine hervorragende Technik zu sein scheint, um sich in den Besitz politischer Ämter zu bringen.2 In diesem Sinn hat man es nicht nur mit einer Frage des persönlichen Stolzes, sondern mit einer strukturellen Problematik zu tun, die, wie man früher gesagt hätte, »asoziales« Verhalten positiv sanktioniert – in einem Maße sogar, dass der darin sich artikulierende Verlust an Zivilität schon gar nicht mehr wahrgenommen wird. Man könnte hier, Sloterdijk folgend, den Niedergang als politisches Dressurergebnis begreifen und (wie es gerne geschieht) die sozialen Medien dafür verantwortlich machen – aber mit einer solchen Erklärung wäre wenig gewonnen. Vor allem bliebe die Frage ungeklärt, wer ein Interesse an einer solchen bürgerlichen Selbstzerstörung haben könnte. Will man die Frage klären, wie und warum sich in den letzten beiden Dekaden eine Kultur des Ressentiments breit machen konnte, muss man sehr viel tiefer bohren. Vor dem Hintergrund dieser Frage lässt Sloterdijks Regression in einen vorzivilisatorischen Zustand tief blicken. Die Karriere seines Assistenten Marc Jongen, der den Begriff des Thymotischen populistisch ausgeschlachtet hat, mag hier als Beispiel dienen. Jongens Lebensweg beginnt keineswegs im politischen Feld, sondern verrät eine eher esoterische Ausrichtung. So lieferte Jongen eine Magisterarbeit zum Wesen spiritueller Erkenntnis ab, in der er zu der Schlussfolgerung gelangte: »Der spirituelle Standpunkt ist der einzige, von dem aus ein Ausweg aus der gegenwärtigen Krise der Menschheitsentwicklung sich zeigen kann, der einzige, von dem aus eine grundlegende Erneuerung unseres Wissens, unserer Kultur und Gesellschaft – nämlich im Sinne der Wiederherstellung des Uralten – möglich ist.«3 Nun macht ein Plädoyer für die Wiederherstellung des Uralten nur Sinn, wenn das Unbehagen mit dem gegenwärtigen Gesellschaftszustand so ausgeprägt ist, dass man die Gesellschaft, als dem Untergang geweiht, in toto verwirft. Darin steht Jongen – der eine Karriere als AfD Politiker gemacht hat – im Übrigen keineswegs einzig da. So haben die letzten Dekaden einen stetig anschwellenden Chor von Geisteswissenschaftlern hervorgebracht, die sich einem allgemeinen Toxizitätsverdacht hingegeben haben – und je nachdem, den Kapitalismus, die Männlichkeit, die weiße Rasse oder die fossilen Energieträger für das Elend der Welt verantwortlich gemacht haben. In diesem Sinn ist der Wunsch nach einer Wiederherstellung des Uralten (Great again!) nur die notdürftige Maskerade eines ausgeprägten Nihilismus, ja, eines regelrechten Vernichtungswunsches. Dies mag erklären, warum die Kohäsion des Gesellschaftstriebwerk – oder etwas lebenspraktischer formuliert: der Gesellschaftsklebstoff – nachgelassen hat - und warum stattdessen zentrifugale, wenn nicht gar eskapistische Kräfte Raum gewonnen haben. Von daher hat durchaus eine thymotische Umwälzung stattgefunden – mit dem Unterschied bloß, dass die von Sloterdijk so innig beschworenen Tugenden sich als Geißeln herausgestellt haben. In diesem Sinn ist die Heraufkunft der Moral, die Konjunktur von Ethikräten, die nicht-enden-wollende Beschwörung nobler und nobelster Absichten das wahre Krisensysmptom – weiß man doch, dass man in dem Augenblick, da man die Moral zu beschwören man sich bemüßigt sieht, man sie schon lange zu Grabe getragen hat.
Postscriptum: Führt man sich den erschütternden Fall des Norbert Bolz vor Augen, der aufgrund einer satirischen Bemerkung auf Twitter Besuch von vier Polizisten erhielt, sieht man, dass auch unsere Institutionen soetwas wie eine thymotische Umwälzung durchgemacht haben. Weshalb sonst existiert ein Portal wie Hessen gegen Hetze, das sich brüstet, 75.000 Hate-Speech-Meldungen in den letzten Jahren gemacht zu haben? Dass man sich hier, im Kampf gegen den metaphysischen Nazi, in moralische Sphären versteigt, welche die Rationalität dispensieren, ist mehr als besorgniserregend, vor allem widerspricht es dem Diktum Max Webers, der gesagt hat: Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele. Muss man gewärtigen, dass man es stattdessen mit Glaubenskämpfern zu tun hat, könnte es sein, dass das, was Sloterdijk irrigerweise das erste Wort Europas genannt hat, das letzte gewesen sein wird. Wie hat Winston Churchill gesagt:
Wenn es morgens um 06.00 an meiner Tür läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiß ich, dass ich in einer Demokratie lebe.
Ich habe mich an anderer Stelle sehr viel ausführlicher dazu geäußert. Vgl. Martin Burckhardt: Bild und Zahl. Zum Nexus von Subjektkonstitution, Zentralperspektive und Gesellschaftsprojektor. In: Lettre international, Heft 126, Herbst 2019.
Die kurze Karriere der Jette Nietzard mag als Beispiel herhalten. Mit einem »All Cops are Bastards«-Pulli im Bundestag zu erscheinen, Marcus Söder als Hundesohn zu titulieren oder sich über zu freuen, dass Männer, »die ihre Hand beim Böllern verlieren, zumindest keine Frauen mehr schlagen« können, verrät einen Instinkt für den Clickbait, dem auch renommierte Medien wie die Zeit zum Opfer gefallen zu sein scheinen - wie man hier nachlesen kann. Dass die Provokationslust nach außen mit einem ausgeprägten Mobbingverhalten nach innen einherging, rundet das Bild weiter ab.
Marc Jongen: Das Wesen spiritueller Erkenntnis. Eine Reise ins Innere des Geistes. München 1998, S.298.
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