Total konform
Die neue Übersichtlichkeit
Wenn der jüngst verstorbene Jürgen Habermas im Jahr 1985 die neue Unübersichtlichkeit beklagte1, wäre, was unsere Gegenwart anbelangt, das reine Gegenteil zu diagnostizieren, ein Maß an gedanklicher Gleichschaltung, welches Erinnerungen an die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte wachrufen könnte. Allerdings sind die Gründe, welche zu dieser neuen, höchst stupenden Übersichtlichkeit geführt haben, keineswegs klar. Nimmt man allein die Symptomatik in den Blick, könnte man, je nachdem, von einer Verengung des Meinungskorridors, einer Infantilisierung der politischen Diskurse oder von der Logik des Clickbaits sprechen – aber damit man hält sich nur bei den Symptomen auf. Denn die Rede von der Aufmerksamkeitsökonomie übersieht großzügig, dass die primordiale Funktion des Geldes darin besteht, dass es als Wertspeicher taugt. Dementgegen läuft die unbequeme Wahrheit darauf hinaus, dass man es im Zeichen des Clickbaits nicht mit einer Speicherung, sondern mit einer Schrumpfung der Aufmerksamkeitsspanne zu tun hat (was unsere Kanzlerin demonstrierte, als sie ein Regieren auf Sicht verhieß). Nicht zufällig erweisen sich die Mediencoups der Vergangenheit als strategische Fehler, muss man man heute, mit großer Verspätung, diagnostizieren, dass die wegweisenden Entscheidungen dieser Zeit einer politischen Kurzsichtigkeit, wenn nicht überhaupt niederen Beweggründen entsprangen. Wenn mich dies in der Vergangenheit dazu geführt hat, dies als Scheinproduktion, ja als Limboökonomie zu betrachten, so läuft dies auf die sinistre Formel hinaus, dass es mit dem Schönen, Wahren und Guten vorüber sein muss, hat sich die Kunst doch zu Kitsch, die Wahrheit zu Bullshit und die Ethik zur Tugendprotzerei verwandelt.2 Fragt man einen Intellektuellen, wie eine Gesellschaft, die so edle Begriffe wie Kreativität, Diversität und Menschenwürde im Munde führt, sich dem vollendeten Stumpfsinn hat ergeben können, wird er die sozialen Medien dafür verantwortlich machen – oder, à la Janis Varoufakis, einen neuen Techno-Feudalismus anführen. Zweifelsohne haben die sozialen Medien (die auch im folgenden eine große Rolle spielen werden) die Verwahrlosung der Diskurse befördert, gleichwohl macht man es sich doch viel zu einfach, wenn man allein die Technik (oder die dazugehörigen Tech-Konzerne) dafür verantwortlich macht. Denn meinerseits habe ich doch schon in den frühen 90er Jahren, und zwar in den öffentlich-rechtlichen Sendern, beobachten können, wie hier die Aufmerksamkeitsökonomie heimisch wurde – und die Erinnerung daran, dass die Gesellschaft für Konsumforschung eine Nazi-Erfindung war, großzügig ausgeblendet wurde. Wie hat Goebbels in einem Vortrag für den Westdeutschen Rundfunks gesagt? 90% sollten Unterhaltung sein, 10% Polit-Propaganda reichen vollständig aus.
Ausgangspunkt meines Befremdens war ein Geschehen im Jahr 2015, als ich gerade einen Text über Jeremy Benthams fertiggestellt hatte, zeitgemäß als Meister aller Selfies betitelt. In der Tat war die Beschäftigung mit Bentham, der als Erfinder des berühmt-berüchtigten Panoptikums in die Geschichte eingegangen ist, insofern erhellend, als er auf den passenden Gedanken verfallen war, sich selbst als Auto-Ikone verewigen zu wollen. Aus diesem Grund hatte er seinen Sekretär angewiesen, seinen Körper (einer Maori-Technik folgend) auszustopfen, mit dem unschönen Nebeneffekt, dass seine Kopf, zum Schrumpfkopf geworden, zur Unkenntlichkeit entstellt wurde, weswegen man ihn alsbald durch ein Wachsreplikat ersetzen musste.



Und weil mein Freund, der Schönheits-, nein, der plastische Chirurg mir erzählt hatte, dass nicht wenige Menschen sich Schönheitsoperationen unterziehen, um dem eigenen Profilbild ähnlich sehen zu wollen, weil das Internet zudem mit Duckfaces und sonstigen Beautify-Filtern überschwemmt wird, war klar, dass das, was man ehedem als Second Life in eine digitale Hinterwelt verbannt hatte, längst die Wirklichkeit dominierte. Und in diesen Gedankengang platzte der Fall des bedauernswerten Sir Tim Hunt, eines Nobelpreisträgers, über den aus heiterem Himmel ein Sturm der Entrüstung hineingebrochen war.
Was also war passiert? Der 72-jährige Nobelpreisträger war, um einer Tagung über die Rolle von Frauen in der Wissenschaft die allfällige Bedeutung, nein, mehr noch: das wissenschaftliche Schwergewicht zu verleihen, nach Seoul geladen worden. Dort hatte er sich, um eine kleine Stegreif-Rede gebeten, seiner vorwiegend weiblichen Zuhörerschaft mit den selbstironischen Worten vorgestellt:
Es ist sehr sonderbar, dass ein chauvinistisches Monster wie ich gebeten worden ist, zu weiblichen Wissenschaftlern zu sprechen. Lassen Sie mich von meinen Nöten mit Frauen erzählen. Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisiert, dann heulen sie. Sollten wir deshalb getrennte Labore für Frauen und Männer errichten? – Jetzt aber ernsthaft: Ich bin von der ökonomischen Entwicklung Koreas beeindruckt. Und zweifellos spielen weibliche Wissenschaftler eine Rolle dabei. Die Wissenschaft braucht Frauen, und sie sollten Wissenschaft treiben, ungeachtet all der Widerstände und ungeachtet solcher Monster wie ich eines bin.
Wie zu erwarten, antwortete der Saal auf diese humorig gemeinte Bemerkung mit großem Gelächter. Jedoch saß außer den koreanischen Gästen auch Connie St. Louis im Publikum, eine britische Wissenschaftsjournalistin, die die Gelegenheit sah, einen Nobelpreisträger als Sexisten zu demaskieren. Sie griff Hunts Bemerkung auf und twitterte im Brustton aufrichtiger Empörung, der »Sexist Tim Hunt« habe die Veranstaltung mit der Bemerkung ruiniert, es gelte, in den Labors die Geschlechtertrennung wieder einzuführen. Auf die Frage eines anderen Twitter-Nutzers, ob der Vortrag aufgezeichnet worden sei, meldete sich ein weiterer Zeuge, der bei der Tagung zugegen war und den Vorwurf der Journalistin bestätigte. Zwar war diese Volte im Geheimen bereits abgesprochen, aber für die Öffentlichkeit war damit der Rahmen gesetzt. Was folgte, war ein Shitstorm, bei dem sich zunächst die Twitterati, dann internationale Medien in ihrer Empörung über den vorgestrigen Sexisten zu überbieten suchten. Noch bevor Hunt wieder englischen Boden betrat, hatte er seine Professur am University College London verloren, desgleichen seinen Ehrensitz in der Royal Society, ebenso seine Position beim Europäischen Forschungsrat. Selbst die koreanischen Veranstalter fühlten sich genötigt, sich im Nachhinein von seinem Auftritt zu distanzieren. Seine Behauptung, er habe doch nur einen Scherz machen wollen, wurde als Eingeständnis seines Fehlverhaltens gewertet, ebenso wie eine unter Tränen hervorgebrachte öffentliche Entschuldigung. Nun basierte nicht nur die Anklage auf einer groben Entstellung des Vorgefallenen, darüber hinaus war die Anklägerin Connie St. Louis eine mehr als zweifelhafte Person. Mochte sie sich, als Schwarze und Frau, auf der Viktimismus-Skala im besonderen Maß zur Kritik berufen fühlen, so strotzte die Vita, mit der sie sich auf ihrer Homepage präsentierte, vor falschen und grob irreführenden Angaben. So blieb es den Teilnehmern der Tagung vorbehalten, die Differenz zwischen persönlicher Erinnerung und medialer Aufbereitung zur Sprache zu bringen. In dem Maß, in dem sich die Einwände häuften, legte Connie St. Louis nach und behauptete, nicht nur sie allein, der ganze Saal habe mit tödlichem Schweigen auf Hunts Bemerkungen reagiert. Zwar traten immer mehr Merkwürdigkeiten über die Pseudologien der Wissenschaftsjournalistin zutage, aber erst als ein Video auftauchte, das Hunt inmitten einer gutgelaunten, applaudierenden Zuschauerschar zeigte, fiel die Geschichte in sich zusammen.3 Zu diesem Zeitpunkt jedoch war Hunt längst zu einer Unperson geworden. Wichtiger jedoch als das Schicksal der Einzelpersonen ist, was die Affäre über die Gesellschaft aussagt, in der derlei stattfinden kann. Ruft die mediale Hexenjagd die Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära in Erinnerung, lässt diese Parallele doch auch die Unterschiede hervortreten.4 Denn während es im beginnenden Kalten Krieg um die Staatsräson ging, dreht sich im Fall des Tim Hunt alles um „Identitätspolitik“. Und weil hier ein Sexist, welche Meriten er auch immer vorweisen kann, keine Rolle spielen darf, beeilten sich die kleinen Brüder und Schwestern, Sir Tum Hunt, allen Realitäten zum Trotz, zur Unperson zu erklären.
Um die Tonlage selbst einer sich bürgerlich dünkenden Öffentlichkeit wiederzugeben, hier der Kommentar, den die Meinungsredakteurin des Tagesspiegel, Ariane Bemmer, dazu abgab:
Der alte Chauvinismus hat sich noch mal laut zu Wort gemeldet, aber – zack – hat er einen auf die Rübe bekommen, so dass nun wieder eine Weile Ruhe sein dürfte. Recht so. Der alte Chauvinismus ist in diesem Fall der 72-jährige Nobelpreisträger Tim Hunt. Er hat auf einer Tagung in Seoul eine Bemerkung gemacht, die er, wie er nachgeschoben hat, für witzig hielt. Seither kann er sich in seinem hübschen Garten in der Grafschaft Hertfordshire nördlich von London um seine Quitten kümmern.5
Was den Fall des Sir Tim Hunt bemerkenswert macht, ist die vollendete Disproportion: der Umstand, dass es einer Kleinstgruppe versprengter Individuen (die man wohl heute Aktivisten nennt, passender aber wohl als Zusammenschluss von freien Radikalen begreifen könnte) hatte gelingen können, ein Narrativ zu etablieren, in das die gesamte Öffentlichkeit einstimmte – und dies ungeachtet der Tatsache, dass man den Vortrag (da er aufgezeichnet worden war) sich auf YouTube hätte anschauen können. Dass die Zeitungen und Fernsehsender sich die Recherche gespart und stattdessen zu einer Form der postmodernen Hexenjagd geblasen hatten, wäre, mit einigen Mühen, noch der Logik des Clickbaits zuzuschreiben. Aber dass die beteiligten Institutionen selbst (denen doch eine gewisse Sorgfaltspflicht oblegen hätte – und die, nach Prüfung des Sachverhalts, den Wissenschaftler in Schutz hätten nehmen müssen), sich von ihm distanzierten – ja, darüber hinaus eine Entschuldigung einforderten, lässt sich nur als eine Form der institutionellen Feigheit lesen, ein Konformismus, der Zweifel an der Integrität der Akteure aufkommen lässt. Gravierender jedoch ist, dass der »Sexismus-Skandal« nur auf der vollständigen Verleugnung, nein, der Verkehrung der Realität beruhte. Wenn Roland Barthes einmal treffend gesagt: »Das Begehren schreibt den Text«, wäre zu schlussfolgern, dass das zugrundeliegende Begehren in der Demütigung, ja, in der symbolischen Vernichtung eines alten weißen Mannes bestanden hatte. Dieser Einbruch der kollektiven Psychopathologie, dem, was ich Soziose genannt habe, ist gleichwohl bemerkenswert, sieht man sich hier doch einem Ressentiment gegenüber, das nur in der Konstruktion eines Ungeheuers Befriedigung findet.
Damit kommen wir zum zweiten Fall, der uns ins Jahr 2023 zurückführt, zu jenem Tag also, da die Hamas das Pogrom des 7. Oktober verübte.
Wenn hier der Fall dieser jungen Frau nacherzählt werden soll, die sich auf dem Stanforder Campus im Pro-Hamas-Camp engagierte, so nicht, weil es darum ginge, in einer ad hominem-Argumention die Torheit einer jungen Frau zu inkriminieren (die zudem, das gereicht ihr zum höchsten Lob, sich im Interview von ihren Irrtümern distanziert), sondern deswegen, weil es sich um eine nachgerade exemplarische Geschichte handelt, ein Gespräch, das die Introspektion in ein Gruppen- und Mobverhalten erlaubt.
Auf die Frage der Interviewerin, wie sie sich selbst charakterisiere, beschreibt sich die junge Frau als Aktivistin, die sich schon immer politisch für die Entrechteten dieser Welt eingesetzt habe. Erschöpfte sich ihre Unterstützung in der Vorzeit des 7. Oktober in gelegentlichen Free Palestine-Posts, nahm sie am 7. Oktober zur Kenntnis, dass in ihrem Live-Feed zahllose Palästina-Flaggen erschienen. Dies verleitete sie zu der Annahme, dass der Gazastreifen von der israelischen Armee attackiert worden sei und dass die Toten, von denen die Rede war, zweifellos Soldaten der israelischen Streitkräfte sein müssten. Dass das Geschehen von größter Wichtigkeit war, wurde ihr bewusst, als am Folgetag Flugblätter auf dem Campus auftauchten und man aufgefordert wurde, an community discussions teilzunehmen – eine Aufforderung, der sie sogleich entsprach. Die Redner, die dort ihre Meinung darboten, taten kund, dass sich dieser Konflikt lange zuvor schon, eigentlich seit der Gründung des Staates Israel angebahnt hatte – und dass es wichtig sei, entschieden Stellung zu beziehen. Nun musste man dies der Aktivistin keineswegs beibringen. Denn ihr war seit langem schon klar, dass man, wenn man nicht in dieser sozialen Währung bezahlte, mit entschiedenem Gruppendruck zu rechnen hatte (it felt critical to voice your opinion early and as often as possible to show what it means to be a true ally). Tatsächlich wurde jeder, der sich dieser sozialen Währung nicht unterwarf, als Gegner betrachtet, nein, ärger noch, als jemand, der zum Genozid beitrug. Was das Geschehen selbst anbelangte, war die junge Frau felsenfest davon überzeugt, dass es sich um den Genozid eines verbrecherischen Apartheid-Systems handele – und weil sie darin eine Remake der amerikanischen Rassentrennung sah, hatte die Hamas die Rolle einer heldenhaften Black Panther Bewegung inne, konnte sie ihren eigenen Widerstand gegen den israelischen Genozid als einen Kampf gegen das erlittene Unrecht ihrer Vorfahren deuten. Jeder, der diese Weltsicht nicht teilte, war ein Zionist, der vom American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) dafür bezahlt wurde. Weil die Interaktion mit solch bezahlten Bütteln als wenig hilfreich galt, weil darüberhinaus die Gefahr bestand, bei einer solchen Diskussion gefilmt oder aufgenommen zu werden, lag schon die Vorstellung eines solchen Gesprächs außerhalb des Gedankenhorizonts. Folglich galt es (denn »Zionist ist ein dreckiges Wort«) eine solche Kontamination zu vermeiden, wie im übrigen auch jedes kritische oder auch bloß zögerliche Nachfragen. Dass die verehrte Hamas keineswegs vor Gewalttaten zurückschreckte, war der jungen Frau zwar bekannt, aber weil der Zweck die Mittel heiligt, waren die Gräuel in einem größeren Kontext zu sehen. Oder wie der Slogan lautete, der jede Frage unter sich begrub: Resistance is justified when Palestine is occupied. Nachdem die junge Frau ihre Gefolgschaft und Gesinnungstreue unter Beweis gestellt hatte, verspürte sie erste Zweifel, als sie im Juni 2024 miterleben musste, dass ihre Kameraden von der FSJP die Büros der Fakultät stürmten, beträchtliche Schäden hinterließen und die Wände des Instituts mit Graffiti beschmierten, die je nachdem: »Pigs taste best dead« oder »Death 2 Israel« proklamierten.



Als Folge dieser Irritation, die zugleich eine erste zaghafte Distanzierung war, nahm die junge Frau eine Einladung am, im Oktober des Jahres 2024 – also ein gutes Jahr nach dem Pogrom – eine Ausstellung in Los Angeles zu besuchen. Obwohl sie diese Entscheidung wohlweislich vor ihren Gesinnungsgenossen geheim hielt, war dies keineswegs mit einem Gesinnungswandel verbunden. Im Gegenteil, sie war bis zum Betreten der Ausstellungsräume noch davon überzeugt, dass die Ausstellungsmacher, die Produzenten des Nova Music Festivals, ihr nur israelisches Propagandamaterial darbieten würde. In gewisser Hinsicht stellt diese Erwartung ein Rätsel, wenn nicht gar eine Ungeheurlichkeit dar. Denn bis zu dem Augenblick, da die junge Frau die Ausstellungsräume betrat und der Videos angesichtig wurde, die zeigten, wie die Besucher des Nova Music Festivals um ihr Leben rannten, hatte sie noch keines der Hamas-Videos zu Augen bekommen, geschweige, dass irgendeiner ihrer Verbündeten derlei in den Live Feed gestellt hätte. Und so reichten schon die ersten Bilder aus, um die langgehegte Erzählung, dass sich die Hamas und die Soldaten der israelischen Armee ein Gefecht geliefert hatten, in Rauch aufgehen zu lassen. Als sie sah, dass dort Altersgenossen, die lediglich einem Musikfestival hatten beiwohnen wollen, von den Schergen der Hamas dahingemetzelt wurden, ja, dass man sich an dem Leid der Opfer ergötzte, begriff sie, dass sie sich ein ganzes Jahr lang in einem Scheingebäude bewegt hatte, ja, dass ihre absoluten Gewissheiten nichts weiter waren als ein Tribut an die Gruppe, group think, eine geschlossene Welt, die mit der Realität nicht das Mindeste zu tun hatte. Und ganz langsam wurden ihr, in Gestalt dieses sorgsam kultivierten Nichtwissens, all die Auslassungen bewusst, derer sich die Aktivisten schuldig gemacht hatten. So hatte sie nicht einmal davon Kenntnis besessen, dass die Israelis sich bereits 2005 aus Gaza zurückgezogen hatte, dass man es also keineswegs mit einer besetzten Zone zu tun hatte. Und noch erstaunter war sie, als sie bei einem Israel-Besuch gewärtigen musste, dass in Israel nicht nur Juden, sondern auch Araber, Drusen und Beduinen ansässig sind – und dass man es keineswegs mit einem Apartheid-Staat zu tun hat. Natürlich stellt sich die Frage, welche Konsequenzen ein solcher Lernprozess hat. Was passiert, wenn eine Einzelperson sich von der Gruppe entfernt? Die Antwort war so einfach wie brutal: Er war gleichbedeutend mit dem Verlust aller Gefährten, ja selbst derjenigen, die sie für beste Freundin gehalten hatte. Ärger noch: unversehens nämlich musste sich die junge Frau rassistischer Anwürfe erwehren (Bist du ein Affe, der nach der Pfeife seines Meisters tanzt?).
Wenn die junge Dame ihren ehemaligen Mitstreitern den folgenden Rat ans Herz gelegt hat (put yourself in the shoes of the ones that are most opposite to your political opinion), bewegen wir uns nun ins Zentrum der Macht, dorthin also, wo ein Twitterkönig residiert – und per ordre de Mufti die Untergebenen, nein, die ganze Welt seinen Launen zu unterwerfen bereit ist. Dass ein Apprentice sich in absoluter Gewissheit wiegen mag, mag uns seit Goethes Zauberlehrling vertraut sein – so wie uns die Stanford-Aktivstin darüber aufgeklärt hat, dass die Informationsgesellschaft Mittel und Wege bereitstellt, eine allzu komplexe Wirklichkeit zu einem leicht verdaulichen Kinderbrei zu verwandeln. Bemerkenswerter freilich ist, dass ein ganzes Kabinett sich in Willfährigkeit übt. Folglich wendet niemand etwas dagegen ein, dass der Chef den Schuhgeschmack seiner Untergebenen kritisiert – und sie großzügig mit Schuhen der Marke Florsheim ausstattet.
Nun zielt jede Stilkritik, wie man weiß, ad hominem. Ich jedenfalls wäre nicht bloß indigniert, wenn mir ein solches Paket ins Haus flatterte, sondern – schon aus Prinzip – entschieden, dieses Paar Schuhe niemals anzuziehen. Dass die Mitglieder des Trump’schen Kabinetts sich pflichtschuldig in die Schuhe ihres Meisters gezwängt haben, bezeugt eine Bereitschaft zur Unterwerfung, die höchst verstörend ist – grotesker aber noch wird es, wenn die Betreffenden sich in Schuhe hinein mühen müssen, die entweder viel zu groß oder so eng sind Wie sagt der Mufti? »Seems to work out pretty well. Now they look all spiffy and nice!«
Versuchen wir die Essenz dieser drei kleinen Geschichten herauszudestillieren, ist klar, dass man es mit einer Form des Gruppenverhaltens zu tun hat, dem nacheinander die moralische Integrität, die Wirklichkeit, zuguterletzt die Würde des Einzelnen zum Opfer fallen. Dass eine Institution wie die Royal Society, um in aller Öffentlichkeit makellos dazustehen, eines ihrer Mitglieder einem Twitter-Mob opfert – und dies wider besseres Wissen -, lässt nur die Schlussfolgerung zu, dass man die Wahrheit dem Bullshit zu opfern bereit ist, ein Gedanke, der Academia in ein wahrhaft schlechtes Licht rückt. Folglich nimmt es nicht wunder, dass ein paar Jahre später die Studenten der Stanford-University, mit Kufiya, moralischem Absolutismus und dürftigen Theorien gerüstet, sich ihrerseits in eine Gedankenwelt hineinsteigern, die aller Wirklichkeit Hohn spricht – und in der ein längst überwundenes Mobverhalten Urstände feiert. Und wenn zuguterletzt das Zentrum der Macht sich einem Schausteller beugt, der seine Untergebenen – mit ihrem Einverständnis zumal – in eine Selbstentwürdigungsperformance hineinzwingt, so bezeugt dies nur, dass die innere Stimme (das, was man ehedem die Stimme des Gewissens genannt hat) der Außendarstellung und dem Opportunismus zum Opfer gefallen sind. Wie will ein J.D. Vance die europäischen Staaten Mores lehren, wenn er nicht einmal seine eigenen Schuhe zu wählen imstande ist? Zweifellos spielen die sozialen Medien hier eine gewichtige Rolle. Denn sie erlauben es, dass sich eine Gruppe (auf paradoxe Weise) von jeder Weltwahrnehmung abschließt – womit sich der Informationsgesellschaft ein dunkler Schatten, ja, nachgerade ein Monster hinzugesellt. Von daher mag man in alledem eine Wiederkehr des finsteren Mittelalters entdecken – ein Great Again!, bei der man das Wahre, Gute und Schöne durch Bullshit, Kitsch und Tugendprotzerei substituiert. Der Zwang zur Außendarstellung macht verständlich, dass man den Institutionen ein postmodernes Tugendkorsett auferlegt, dass man vom Genozid spricht, wenn man doch Kindermörder und Brunnenvergifter im Sinn hat – und dass die Demonstration der Macht sich an die Stelle wirklicher Politik gesetzt hat. Was sich dahinter verbirgt, ist das, was Max Horkheimer erotisches Ressentiment genannt hat – eine Gruppenzugehörigkeit, die sich in geschlossenen Weltbildern und der Verteufelung des Gegners gefällt, nein, mehr noch: die sich vom herbeiphantasierten Ungeheuer geradezu nährt. Folglich ist es gerade die Gegenstandslosigkeit dieses Monsters, welche den Gruppendruck ins Unerträgliche anwachsen lässt. Denn fortan kann ein jeder sich sicher sein, dass das geringste Widerwort auf einen Ausschluss aus der Gruppe hinausläuft – und damit auf all das, was die innere Leere halbwegs erträglich gemacht hat.
Jürgen Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit. Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Erschöpfung utopischer Energien. In: Merkur 431, 1985.
Scheinproduktion. In Lettre 138, Herbst 2022.
Im Magazin Reason findet sich ein Text, der dokumentiert, wie die Geschichte in sich zusammenfällt.
McCarthys Aktivitäten waren, wohlgemerkt, Initiative des Senators aus Wisconsin, kein Regierungshandeln. Insofern hat man es hier bereits mit einer bottom-up-Machtentfaltung zu tun.
Die Kolumne findet sich unter der Überschrift Der Rauswurf von Tim Hunt: Sexismus lohnt sich nicht, my Darling im Tagesspiegel vom 18.7.205.






